

Die Geschichte vom kleinen Mond
Luisa und Lucas waren zwei Kinder, die gerne draußen spielten, gerne Geschichten hörten, gerne Sandmännchen im Fernsehen guckten und gern badeten. Was sie nicht gerne machten, das war: abends ins Bett gehen oder auch die Finger nicht in den Zuckertopf stecken. Sie waren also Kinder wie tausend mal tausend mal tausend andere Kinder auch. Eine Sache war bei ihnen aber besonders: Sie waren Zwillinge.
Irgendwo im Weltall, ganz weit draußen, wo sich Schwan und Schlange gute Nacht sagen, gab es einen kleinen Mond. Der war ganz allein. Er schwebte durch den Himmel wie andere Monde auch. Aber er hatte keinen Planeten, um den er sich drehen konnte. Das war vielleicht langweilig für ihn!
Eines Tages beschloss der kleine Mond, sich einen Planeten zu suchen, um den er sich drehen konnte. Denn zu jedem Mond gehört nun mal ein Planet! Unser Mond dreht sich schließlich auch um die erde. Der kleine Mond packte sein Taschentuch und seine Zahnbürste ein und machte sich auf den Weg. Aber o weh! Viele Planeten hatten schon mindestens einen Mond und wollten nicht noch mehr Monde. Der kleine Mond war darüber sehr traurig. Dann fand er einen Planeten ohne Mond.
„Hallo!“, sagte der kleine Mond zu dem Planeten. „Ich bin ein kleiner Mond. Wäre es nicht schön, wenn ich mich um dich drehte?“
Aber der Planet wollte nicht.
„Nein, lass mich in Ruhe! Ich drehe mich schon um mich selbst und um meine Sonne! Wenn du dich dann auch noch um mich drehst, wird mir schwindelig! Nein, lass das mal!“
Enttäuscht schwebte der kleine Mond davon. Tränen traten ihm in die Augen. Er holte schnell sein Taschentuch und schnäuzte sich so heftig, dass er rückwärts quer durchs Weltall flog und - bums! - anstieß.
„Aua!“, rief da jemand.
Der kleine Mond war erschrocken. Wer rief da aua? Schnell drehte er sich um und schaute einem gemütlichen Mond mit Zipfelmütze in das freundliche Gesicht.
„Na, kleiner Mond? Schießt du immer wie eine Kanonenkugel durchs All?“, fragte der große Mond.
„Nein, nein“, sagte der kleine Mond schnell. „Ich habe mir die Nase geputzt, und da hat es mich regelrecht weggeschossen!“
„So, so, weshalb hast du dir denn die Nase geputzt? Schnupfen hast du nicht, aber ich sehe Tränen in deinen Augen!“
Der kleine Mond nickte. Und weil der große Mond ihn noch immer so freundlich und erwartungsvoll ansah, fasste er sich ein Herz und erzählte von seinem Wunsch, einen Planeten zu finden, den er umkreisen konnte, und von der Ablehnung der Planeten, die er erlebt hatte. Der große Mond hörte ihm aufmerksam zu. Als der kleine Mond zuende erzählt hatte, dachte der große Mond nach. Lange schaute er ins dunkle Weltall. Dann sagte er zu dem kleinen Mond:
„Nun, du wirst wenig Glück haben, einen Planeten zu finden, der dich haben will. Ich würde dich gerne einladen, einige Zeit mit mir um die Erde, die mein Planet ist, zu kreisen. Aber damit würden wir das Meer ganz schön durcheinanderbringen. Nein, nein, das hat keinen Sinn. Aber lass dich nicht hängen, ich habe eine Idee: Du bist so klein, schwebe doch auf die Erde, vielleicht findest du einen Menschen, der sich von dir umkreisen lassen möchte!“
Der große Mond erklärte dem kleinen Mond noch genau, was er meinte. Dann half er ihm bei dem Abstieg auf die Erde. Schließlich war der Mond schon oft genug selbst heimlich auf der Erde gewesen und kannte den Weg. Aber dann schwebte der große Mond schnell wieder an seinen Platz am Himmel, nachdem er dem kleinen Mond Auf Wiedersehen gesagt hatte.
Der kleine Mond schwebte vorsichtig über die Erde und hielt Ausschau nach seinem Menschen.
Und ihr werdet es nicht glauben, er fand bald einen Menschen, der ihm so gut gefiel, dass er sich vorstellen konnte, um ihn zu kreisen.
Und das war Luisa.
Sie spielte gerade im Garten, als der kleine Mond um die Ecke kam. Luisa schaute hoch, sah den Mond und lachte.
„Was bist du für ein lustiger Ball!“, rief sie.
„Ich bin kein Ball, ich bin ein Mond. Und ich würde mich gerne um dich drehen, wenn ich darf“, sagte der kleine Mond artig.
Luisa sah sich den Mond an, stupste ihn mit dem Finger an, dass er einen Satz machte, und sagte: „Das geht nur, wenn du dich auch um Lucas drehen willst, denn wir sind Zwillinge!“
Der kleine Mond wusste nun nicht, was Zwillinge sind, aber das erklärte Luisa ihm schnell. Als der Mond verstanden hatte, dass er nicht nur um einen Menschen, sondern gleich um zwei kreisen durfte, sagte er glücklich ja. Und kam Lucas in den Garten. Der lachte auch, als er den kleinen Mond sah, der gerade begann, Luisas Kopf zu umkreisen. Schnell hatten seine Schwester und der kleine Mond ihm erzählt, was sie ausgemacht hatten. Das gefiel auch Lucas. Aber er hatte noch eine Idee:
„Dürfen wir dich auch zum Ballspielen benutzen?“
Der kleine Mond ließ sich Ballspielen erklären und sagte dann: „Werfen dürft ihr mich, aber nie mit den Füßen treten.“
Nun versuchten sie es: der kleine Mond kreist erst um Luisas Kopf, dann um Lucas’. Dann drehte er eine Acht. Dann schwebte er um beide Köpfe in einem großen Kreis. Nun überlegte der kleine Mond und sagte: „Ich glaube, ich drehe am liebsten immer eine Runde erst um Luisas, dann um Lucas’ Kopf!“
Und so wurde der kleine Mond der Lu-Lu-Mond, kreiste abwechselnd um Lucas’ und Luisas Kopf und ließ sich von ihnen durch die Luft werfen. Das Tollste war: Wenn sie ihn versehentlich über den Zaun, aufs Dach oder in einen Baum warfen, schwebte der Lu-Lu-Mond von selber wieder zu ihnen zurück. Und was Lucas und Luisa noch besser an ihrem Lu-Lu-Mond gefiel, das war, dass er nachts in ihrem Zimmer an der Decke schwebte und leuchtete. Manchmal besuchte der kleine Mond auch den Erdenmond, und sie erzählten sich dies und das.
Und wenn sie noch nicht erwachsen sind, dann ist der Lu-Lu-Mond noch immer bei Lucas und Luisa ...
... wie, sie haben keinen Lu-Lu-Mond?
Habe ich das alles nur geträumt?
Oder passiert das vielleicht erst nächste Woche?
Der Lu-Lu-Mond ist weg!
Ja, das ist ein ganz schöner Schreck.
Der kleine Mond ist verschwunden, und Lucas und Luisa sind darüber ganz traurig.
Aber das wäre wohl jeder, wenn er einen eigenen kleinen Mond hätte, der um seinen Kopf kreist, und dann würde er das plötzlich nicht mehr machen !
Was fragst du?
Ach so, wie der Lu-Lu-Mond weggekommen ist ?
Na ja, das passierte so: Luisa und Lucas waren im Garten, mit dem Lu-Lu-Mond. Die drei spielten miteinander, und das heißt, dass die Kinder sich den Mond zuwarfen.
Der Lu-Lu-Mond fand das lustig: Lucas warf den Mond, der sich noch etwas schneller machte. Wie der Blitz sauste er zu Luisa, die lachend stehen blieb. Denn kurz vor Luisas Kopf schwenkte der Mond ab, flog einmal um Luisas Kopf und fiel ihr dann vorsichtig in die Hände. Nun warf Luisa, und der Mond schoss wieder wie eine Kanonenkugel auf Lucas zu, kreiste einmal um seinen Kopf und schwebte in seine Hände. Das ging eine Weile hin und her.
Und dann, als der Lu-Lu-Mond wieder zu Luisa flog, rief Lucas: „Guckt einmal, da ist der Erdenmond!“
Und Luisa und der Lu-Lu-Mond guckten und riefen: „Wo?“
Luisa und der kleine Mond passten nicht auf, und schon war der Lu-Lu-Mond an Luisa vorbeigeschossen, über den Zaun, durch den nächsten Garten, auf die große Straße und - bums! - in einem Laster verschwunden. Der war gerade vorbeigekommen, als der Lu-Lu-Mond angeflogen kam.
Lucas und Luisa waren sehr erschrocken. Der Lu-Lu-Mond war weg ! Sie wollten ihm noch hinterherlaufen, aber zum einen durften sie nicht allein auf die Straße, zum anderen war der Lastwagen schon verschwunden.
Was ist dazu noch zu sagen? Lucas und Luisa saßen traurig in ihrem Zimmer, und auch alle anderen aus der Familie waren still. Schließlich gehörte der Lu-Lu-Mond zu ihnen, und jetzt war er weg.
Zwei Tage schon sitzen Lucas und Luisa in ihrem Zimmer. Um sie etwas abzulenken, beschließt ihre Mutter, mit ihnen in den Tierpark zu gehen. Eigentlich haben alle drei nicht die rechte Lust. Aber es ist schon besser, an die frische Luft zu kommen.
Im Tierpark schauen sie sich die Vögel und Raubkatzen und die anderen Tiere an. Aber es will keine rechte Stimmung aufkommen. Alle drei denken nur an den Lu-Lu-Mond. Dann stehen sie vor dem alten Bären-Käfig, der jetzt für die Kinder offen ist. Lucas schaut in die Bärenhöhle, zwinkert, schaut noch einmal hin ...
„Da leuchtet was!“ ruft er schließlich.
Auch Luisa und ihre Mutter sehen es jetzt: Aus der Höhle kommt ein feines Leuchten. Lucas klettert schnell in den Käfig und läuft zu der Höhle. Er hat gar keine Angst. Denn das Leuchten kommt vom ...
„Lu-Li-Mond!“ ruft Lucas und schließt ihn schon in die Arme. „Endlich haben wir dich wieder!“
Auch Luisa steht jetzt in der Höhle und umarmt Lucas und den kleinen Mond. Dann gehen alle drei zur Mutter. Der Lu-Lu-Mond erzählt, was geschehen ist:
„Als ich in den Lastwagen flog, bin ich in einer Ladung Stroh untergetaucht. Ich kam da gar nicht mehr raus. Das Stroh kitzelte mich überall, dass ich lachen musste, dann bekam ich den Strohstaub in die Augen und in die Nase und in den Mund, ich musste husten und niesen und weinen, ich hatte gar keine Zeit, darüber nachzudenken, wie ich wieder aus dem Lastwagen herauskomme. Als ich noch im schönsten Niesen war, hielt der Lastwagen im Tierpark an, das Stroh wurde ausgeladen, und hier war ich nun. Ich wusste zwar, dass ihr auch mit mir in den Tierpark gehen wolltet, aber da ich nun schon einmal hier war, konnte ich mir auch gleich alles anschauen. Ich bin zu allen Tieren hingegangen, habe sie begrüßt und mit ihnen gespielt. Das hat großen Spaß gemacht. Aber ich hatte auch Sehnsucht nach meinem Lucas und meiner Luisa. Und gestern hat mich der Hirsch im Spiel so herumgekugelt, dass mit ganz schwindlig war. Deshalb habe ich mich im alten Bärenkäfig versteckt und geschlafen. Und da habt ihr mich jetzt gefunden. Ich freue mich, wieder bei euch zu sein!“
Froh war nicht nur der Lu-Lu-Mond. Auch Luisa, Lucas und ihre Familie freuten sich, den kleinen Mond wieder bei sich zu haben. Wer weiß, welche Abenteuer ihnen noch mit dem Lu-Lu-Mond passieren?
© by Anne Haase 2000 Köln
Der Lulu Mond und die Hexen
Der kleine Mond erwacht, als er spürt, dass ihn jemand seine Nachtmütze vom Kopf zieht. Ein wenig ärgerlich brummt er. Gerade hatte er so etwas schönes geträumt!
Doch dann blinzelt er und sieht das vergnügte Gesicht von Lucas vor sich. Lucas hüpft aufgeregt von einem Bein auf das andere.
“Nun wach doch endlich auf Mond, du Schlafmütze! Wir wollen gleich los!“
Jetzt kommt auch Luisa ins Zimmer. Sie ist schon fertig angezogen und ganz stolz, dass sie es allein geschafft hat. Sogar der Reißverschluss ist ordentlich zugezogen.
„Mond, beeile dich – wir wollen heute zum Hexentanzplatz fahren, das ist die Überraschung, die uns Mama gestern versprochen hat!“
Dem kleinen Mond wird ein wenig bange. Hexen? Das sind doch diese bösen Wesen, die auf einem Besen reiten und kleine Jungs in Käfige sperren. Sie konnten auch zaubern und er hatte Angst, vielleicht in ein rosa Schweinchen verwandelt zu werden, dann könnte er nicht mehr fliegen und das wäre schon sehr ärgerlich.
Schnell zieht der kleine Mond seine Nachtmütze tiefer ins Gesicht. Nein, er hat gar keine Lust einer Hexe zu begegnen. Lieber kuschelt er sich noch mal in sein weiches Kissen und träumt von der süßen Milchstraße.
Aber Luisa zieht ihm einfach das Kissen weg und Lucas rüttelt ihn energischer.
„Nun komm doch, es wird bestimmt lustig! Wir waren nämlich noch nie auf dem Hexentanzplatz und Mama hat uns schon so viel davon erzählt, dass wir ganz neugierig sind!“
„Ohne dich macht es aber nur halb soviel Spaß!“
Der Lulu Mond seufzt ein wenig. Dann denkt er nach. Wenn Lucas und Luisa keine Angst haben...und auch er wird neugierig.
Vor der Tür hupt Papa schon ungeduldig. Die Kinder stürmen aus dem Haus und nehmen den Mond in ihre Mitte. Mama packt rasch noch Kekse und eine Teeflasche ein, denn Ausflüge an frischer Luft machen sehr hungrig! Jetzt kann es losgehen!
„Angurten!“, ruft Papa nach hinten. Die Mutter schnallt erst Luisa an, dann ihren Bruder und greift zum Gurt, um auch den kleinen Mond anzugurten. Dem Lulu Mond gefällt das gar nicht. Dieser doofe Gurt, der kneift doch immer so am Bauch! Aber Papa sagt streng:
„Wer nicht angeschnallt ist, muss zu Hause bleiben oder hinterher fliegen.“
Fliegen. Dazu hat der Lulu Mond heute gar keine Lust, er ist noch viel zu müde zum Fliegen. Und alleine zu Haus bleiben, oooch, das wäre auch sehr langweilig. Also hält er ein wenig die Luft an und schnapp sitzt der Sicherheitsgurt an seinem Platz.
Unterwegs bestaunen alle den bunten Herbstwald. Es gibt so viele Farben, als ob jemand einen riesigen Tuschkasten ausgekippt hätte. Luisa gefallen besonders die kleinen gelben Blättchen der Birken und Lucas mag die feuerroten Ahornblätter. Der kleine Mond schaut neugierig nach allen Seiten. Im Wald war er noch nie. „Wie das duftet!“
„Das sind die Pilze“, sagt Mama.
„Haben wir auch einen Korb mit“? fragt Luisa. Lucas hat nicht richtig zugehört. „Wozu brauchen wir einen Korb? Zum Hexen einsammeln?“
Alle lachen.
In mehreren Kurven geht es den Berg hinauf.
Als sie oben ankommen, stehen schon sehr viele Autos auf dem Parkplatz. Eine Menge Leute sind zu sehen, dicke Omas mit Wanderstöcken, Opas mit Enkelchen oder Hund, Papas mit Babys auf den Schultern, Mamas mit Rucksäcken.
Lucas und Luisa stürmen gleich auf den Spielplatz. Sie mussten ja schon viel zu lange stillsitzen und außerdem gibt es hier andere Spielgeräte, als im Kindergarten.
Zusammen mit dem kleinen Mond hüpfen sie auf einen alten LKW Reifen, der an Ketten hängt. Dann fängt eine wilde Schaukelei an. Dem Mond wird fast ein wenig schwindlig.
Plötzlich lauscht Luisa und hört auf zu schaukeln.
„Da weint doch jemand!“
Der Lulu Mond fliegt ein wenig umher und schaut in die Runde. Richtig. Am Klettergerüst steht ein kleines Mädchen mit einer lustigen roten Zipfelmütze. Sie ist etwas jünger, als die Zwillinge. Luisa geht zu ihr.
„Bist du heruntergefallen und hast dir wehgetan?“
Das kleine Mädchen schnieft und schüttelt den Kopf.
„Hat dich jemand geschubst?“ fragt Lucas. Die Kleine schluchzt weiter. Sie hat schon ganz rote Augen.
Der Lulu Mond fliegt ein paar lustige Hüpfer und Kreise, aber das hilft auch nicht.
„Ich bin die Nina und meine Mama ist weg!“
Dicke Tränen kullern über Ninas Wangen. Lucas wird auch gleich ganz traurig. Schnell guckt er, wo seine Mama ist. Aber da ist alles in Ordnung. Mama und Papa sitzen auf einer Bank und unterhalten sich.
„Wie sieht deine Mama denn aus?“ fragt Lucas.
Nina schnieft noch ein bisschen, aber als Luisa ihr ein Bonbon gibt, wird sie etwas ruhiger.
„Meine Mama ist ziemlich groß, hat eine braune Jacke an, gelbe Haare und auch so eine Zipfelmütze, wie ich.“
Der Mond fliegt ein wenig höher.
„Ich sehe mich mal um, vielleicht kann ich sie finden.“
Es ist gar nicht so einfach, bei dem Gewimmel jemand zu suchen. So viele Menschen und es kommen immer noch mehr Autos angefahren.
Der kleine Mond sucht zuerst in der Nähe des Spielplatzes. Keine rote Zipfelmütze zu sehen.
Er fliegt zur Gaststätte – da ist Ninas Mama auch nicht. Er guckt auf dem Parkplatz. Nichts.
Aber da halt! Nein, doch nicht, die Frau hat eine grüne Jacke an.
Der kleine Mond fliegt zur Bockwurstbude. Es stehen mindestens 6 Mamas an, aber keine ist die Richtige. Langsam fliegt er zurück. Was soll er bloß Nina sagen?
Auf einmal leuchtet eine rote Zipfelmütze vor seiner Nase. Gelbe Haare, braune Jacke! Hurra! Er hat Ninas Mama gefunden. Sie war an einer anderen Bude und hat leckere Pfannkuchen in der Hand.
Rasch fliegt er zu den Kindern und berichtet. Da kommt Ninas Mama auch schon und Nina fällt ihr erleichtert um den Hals.
„Danke Mond! Wenn du Lust hast, kannst du mich ja auch einmal besuchen!“
Luisa und Lucas hatten ihr nämlich in der Zwischenzeit ihre Mondgeschichte erzählt.
Alle sind erleichtert und schauen hinterher, wie zwei lustige Zipfelmützen in der Menge verschwinden.
Die Kinder rennen schnell zu ihren Eltern und berichten, was passiert ist.
„Wo sind denn nun die Hexen!“ fragt der Lulu Mond ungeduldig.
Papa grinst und zeigt dann auf die vielen Andenkensläden. Da gibt es Hexen mit und ohne Besen, manche klein wie ein Finger und wieder andere fast so groß wie ein Kleinkind. Einige lächeln, aber die meisten gucken böse, haben eine krumme Nase und ein Kopftuch auf, wie es sich für eine richtige Hexe gehört.
Hexen gibt es auch als Anhänger, auf Tassen und Schuhanziehern, auf Postkarten und Hosenträgern. Lucas und Luisa suchen sich eine kleine Anhängerhexe für ihren Kindergartenrucksack aus und Mama kauft noch eine Hexenkarte für die Oma zu Hause.
Die Zwillinge ziehen den Lulu Mond zur Seite.
„Guck mal, da ist noch eine Hexe!“
Sie gehen näher heran. Die Hexe ist aus Metall und mindestens zweimal so groß wie Papa.
„Das ist ein Denkmal“, weiß Luisa.
„Ja, und man kann darauf herumklettern“, sagt Lucas und schon sitzt er auf dem Buckel der Hexe. Viele Kinder wollen auf die Hexe klettern. Es gibt ein ganz schönes Gerangel und Gezappel. Die Hexe hat schon eine ganz glänzende Nase, denn alle Kinder wollen da mal anfassen. Das soll nämlich Glück bringen.
Daneben steht auch noch ein Teufeldenkmal und viele große Klettersteine. Wie die wohl hierher gekommen sind?
„Vielleicht haben sich ja die Hexen früher hier gezankt und mit den Steinen geworfen“, sagt Papa.
„Wo sind denn nun die richtigen Hexen “fragt Luisa.
„Vor langer Zeit trafen sich die Hexen in jedem Jahr am letzten Tag im April – in der Walpurgisnacht auf dem Blocksberg und auch auf anderen Bergen hier im Harz. Da haben sie ein riesiges Fest gefeiert und sich erzählt, was sie das ganze Jahr über für böse Sachen angestellt haben. Wen sie verhext oder geärgert haben und die allerböseste Hexe wurde zur Oberhexe gewählt.“
„Und gibt es heute immer noch richtige Hexen?“
„Wer weiß“.
Vom vielen spielen und erzählen sind alle ganz hungrig geworden und so bummeln sie erst einmal an den Buden entlang. Hm, wie lecker die Pfannkuchen duften. Und nebenan hängen bunte Lutschstangen und Schokoladenhexen. Eis und Bockwurst kann man auch essen.
Nachdem sich alle gestärkt haben, besichtigen sie das Bergtheater und bestaunen die Seilbahn. Am liebsten würden die Kinder gleich mit den lustigen rot-gelben Kabinen über die große Schlucht fahren. Aber es stehen sehr viele Leute an und so beobachten sie nur, wie die starken Seile die Gondeln abwechselnd hoch und hinunter befördern. Das zischt vielleicht! Der Mond und die Kinder werden ermahnt, nicht zu nahe heranzugehen, denn das ist gefährlich!
Zum Schluss wandert die Familie noch zur Aussichtsplattform. Von da aus kann man zum gegenüberliegenden Berg gucken. Zwischen den beiden Bergen liegt die tiefe Schlucht. Rechts und links sind dunkle zerklüftete Felsen und ganz weit unten kann man den Fluss sehen.
„Das ist die Bode“, erklärt Mama. „Sie heißt so, weil vor ganz langer Zeit einmal ein böser Riese hineingefallen ist und der hieß nämlich Bodo.“
„Erzähl weiter“ betteln die Kinder und der kleine Mond gespannt.
„Vor tausend und mehr Jahren war das Land rings um den Harz von Riesen bewohnt, welche raubten und zauberten. Unter ihnen, ein ganz finsterer Geselle, war der Riese Bodo. Alle gehorchten ihm, weil sie Angst vor ihm hatten, nur Emma, die wunderschöne Königstochter, konnte er nicht zu seiner Liebe zwingen. Es half ihm weder Stärke noch List.
Eines Tages jedoch erblickte er Emma beim Jagen im Wald und setzte ihr hinterher. Sie fürchtete sich vor ihm und ritt immer schneller. Das Pferd hetzte über Berge, Klippen und Wälder. Als sie dem Riesen schon fast entkommen war, erreichte sie die tiefe Schlucht. Angstvoll blickte Emma in die Tiefe, denn mehr als tausend Fuß ging senkrecht die Felsenmauer herab zum Abgrund. Das Pferd musste dringend verschnaufen, aber der Riese Bodo kam bedrohlich nahe heran.
Emma trieb ihr Pferd an und mit letzter Kraft sprang es über die Schlucht und schlug seinen Huf vier Fuß tief in das harte Gestein. Seit dem hat dieser Berg den Namen: „Rosstrappe“. Emma war gerettet, aber die schwere goldene Krone fiel wärend des Sprungs in die Tiefe.
Bodos Pferd schaffte den Sprung nicht, weil er zu schwer war und so stürzten Pferd und Reiter in die Tiefe. Da sitzt er bis zum heutigen Tag und bewacht die Krone.“
„Das war aber eine schöne Geschichte“, sagt der kleine Mond und die Kinder nicken.
„So, nun ist es für heute aber genug mit den Riesen, Hexen und Teufeln, Zeit, nach Hause zu fahren!“
So ist das also mit den Hexen. Der Lulu Mond und die Kinder erzählen noch lange von dem tollen Ausflug und wer weiß, vielleicht fahren ja alle im nächsten Jahr zur Walpurgisnacht und schauen nach, ob die Hexen wieder tanzen.
© Grit Schiffter
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