Kathrin

Die eiserne Tür begrüßt Martha seit vielen Jahren mit dem selben quietschenden Singsang. Martha bleibt stehen. Sie muss erst einmal tief durchatmen. Bedächtig streckt sie den leicht gekrümmten Rücken. Heute merkt sie ihre Jahre mal wieder besonders deutlich. Der Weg hierher schien immer steiler zu werden. Mit zittrigen Fingern umklammert sie den Lenker ihres alten Fahrrades und schlurft dann den vertrauten Kiespfad entlang.

Wie Schwestern halten sich die dunklen Tannen an den Händen und bilden eine schwarz-grüne Decke, die das Tageslicht verschluckt. Selbst an sonnenhellen Tagen ist es hier oben dämmrig. Friedvolle Stille. Man kann sie mit dem Körper spüren.
Martha biegt nach rechts ab. Der Kiesweg ist nun zu Ende. Ein Teppich aus dichten Tannennadeln verschluckt das Geräusch ihrer Füße.

Marthas dürre Gestalt schwankt ein wenig. Wie gut, dass sie das Fahrrad hat, um sich festzuhalten. Simon, der alte Gemeindediener, kommt ihr mit einer Schubkarre voll verrottetem Laub entgegen. Schweißperlen stehen auf seiner buckligen Stirn. Nun, er ist auch nicht mehr der Jüngste, sollte sich endlich zur Ruhe setzen, denkt Martha und nickt ihm kurz zu. Er schnalzt mit der Zunge und grinst jungenhaft.
"Na Martha, altes Mädchen, hübsch, wie vor sechzig Jahren."
"Und du bist auch noch der selbe Esel, wie damals", knurrt sie ihn an und geht kopfschüttelnd weiter. Sie mag ihn, aber das will sie ihm nicht zeigen.

Zuerst wird sie Egon Guten Tag sagen. Er war ihr immer ein guter Mann. Etwas brummig und wortkarg, nach Holz und Sägespänen duftend. Sie hatten wenig geredet und noch weniger gestritten. Martha seufzt. Sie vermisst ihn immer noch, obwohl er nun schon seit so vielen Jahren nicht mehr bei ihr ist. Manchmal tastet sie nachts neben sich, weil sie vermeint, ihn schnarchen zu hören. Aber da liegt nur die schwarze Katze und hat es sich auf seinem Kissen gemütlich gemacht.

Martha lehnt das klapprige Fahrrad an eine Tanne. Stöhnend bückt sie sich und zupft das Unkraut zwischen den Stiefmütterchen. Dann pflanzt sie bedächtig die mitgebrachten Begonien und gießt sie an. Sie unterhält sich mit Egon über die kleinen Dinge ihres Alltags, es stört sie nicht, dass er nicht antwortet. Dann spricht sie ein stummes Gebet. "Machs gut, Egon. Du hattest ein langes, arbeitsreiches Leben. Schlaf in Frieden."

Der nächste Weg fällt Martha viel schwerer. Sie wird sich nie mit dem Geschehenen abfinden. Ihre Knie beginnen zu zittern. Mit klammen Händen schiebt sie das Rad langsam vorwärts.
Kathrins Grab liegt am äußersten Ende des Friedhofes, dort wo die Mauer, von lila Kissen wilder Stiefmütterchen und Steinbrech bewachsen, schon ein wenig eingefallen ist und den Blick auf das weite Tal freigibt. Nach unten fällt der Hang steil ab. Wildkirschen und Holunderbüsche halten sich mit ihren langen Wurzelfingern an dem brüchigen Kalkstein fest. Dicke Hummeln umschwirren die Glockenblumen. Eigentlich ein wunderschöner Platz, schade, dass Kathrin nichts mehr davon sieht.

Kathrin hatte Wildblumen und besonders Glockenblumen geliebt. Riesige Sträuße schleppte sie manchmal an. Martha hatte das Mädchen des öfteren überrascht, wie es, bäuchlings auf der Wiese liegend, dem ‚Bimmeln' der zarten Glöckchen lauschen wollte.

Völlig  außer Atem lässt sich Martha auf das kleine Holzbänkchen fallen.  Die hatte Egon noch gebaut, damit Martha länger bei ihrer Tochter sitzen konnte. Er selbst hatte es nicht übers Herz gebracht, auf den Friedhof zu gehen. Es tat ihm zu weh.

-

Sie hatten diese Tochter spät bekommen, beide waren schon Anfang vierzig und hatten ihre Kinderwünsche eigentlich längst begraben. Vielleicht hatte ja Kathrin sich deshalb nie so richtig wohl gefühlt mit so alten Eltern.

Sie war immer ein wildes, unruhiges Kind gewesen, besaß so gar nichts von der Bedächtigkeit ihrer Eltern. Ständig hatte sie zerrissene Kleidchen und abgeschürfte Knie vom Bäume Klettern. Das ohnehin störrische, dicke Haar war stets verfilzt oder mit Kletten und Grashalmen gespickt. Martha musste öfter, als ihr lieb war, zur Schere greifen.

Geträumt hatten sie von einem süßen kleinen Mädel mit Rüschenkleidchen, weißen Schürzen und Blumen im Haar – statt dessen bekamen sie eine kleine Wildkatze, die mit den Jungen heimlich rauchte, Hamster fing, zündelte und jeden Abend schwarz wie ein Schornsteinfeger nach Hause kam.
Sie hatten sie trotzdem geliebt und versucht, ihr jeden Wunsch zu erfüllen.

Egon, der sich sonst nicht gern bei seiner Arbeit stören ließ, mochte es, wenn Kathrin in der Werkstatt hockte und eifrig Hölzchen zusammenleimte oder geschickt mit dem Hobel hantierte.

Sie war eine Naturfanatikerin. In ihrem Zimmer stapelten sich Bücher über Tiere und Pflanzen. An den Wänden hingen Kästen mit selbstgefangenen Schmetterlingen und Käfern. Überall lagen gepresste Blumen, Vasen mit Trockensträußen zierten die Fensterbretter.

In der Schule gab  es mit Kathrin keine Probleme, sie musste nicht lernen, es fiel ihr zu. Sie war beliebt durch ihr großzügiges offenes Wesen und hatte stets eine ganze Schar Anbeter um sich. Sie nahm es wie selbstverständlich hin als ein Tribut, der ihr zustand.

Später, als Halbwüchsige belauerten sich die Jungen gegenseitig. Sie wachten eifersüchtig darüber, dass Kathrin ja nicht einen ihrer Verehrer zu lange ansah. Mit lebhaften Augen, die an schwarze Kirschen erinnerten, konnte sie die Jungs um den Finger wickeln.

Mit ihrem natürlichen Charme nahm Kathrin auch bei den Mädchen eine führende Position ein. Sie duckmäuserte nicht vor den Lehrern- sagte, wenn ihr etwas gegen den Strich ging. Ungerechtigkeiten konnten  sie derartig in Wut versetzen, dass die Kirschenaugen Lavafunken sprühten.

Sie führte die Jungen an der Nase herum. Ließ sich von diesem küssen, mal von jenem ins Kino oder zum Eis einladen und meinte es doch mit keinem ernst.
Als Kathrin sechzehn war, fing sie an, sich nachts aus dem Haus zu schleichen. Die knarrende Bodentreppe mied sie. Sie kletterte stattdessen über das Weinspalier und von da auf das Dach von Egons Werkstatt. Wahrscheinlich kam sie sich sehr gewitzt vor, aber Martha hatte einen leisen Schlaf, sie hörte das Mädchen immer. Dann lag sie die halbe Nacht wach, bis ihre Tochter zurückkehrte.

Martha versuchte zunächst in Ruhe mit ihrer Tochter zu reden. Doch Kathrins Trotz und Uneinsichtigkeit ließen sie bald ihre Ohnmacht dieser wilden, ungebärdigen Tochter gegenüber spüren. Kathrin suchte etwas, was sie zu Hause nicht fand – Abenteuer.
Das friedvolle, in ihren Augen starre Leben der Eltern ödete sie an. Die Mutter – den ganzen Tag in Schürze und Holzschuhen, ständig in Haus oder Garten beschäftigt – der wortkarge Vater von früh bis spät in der Werkstatt. Sie wollte Spaß haben, sich vergnügen, verrückte Dinge tun.

Das Dorf summte von Gerüchten.
Egon schämte sich für seine Tochter und entfernte kurzerhand das Weinspalier. Aber Kathrin fand andere Wege, um heimlich zu verschwinden. Manchmal legte er sich nachts auf die Lauer, aber Kathrin entwischte ihm trotzdem. Der fehlende Schlaf und die Enttäuschung ließen ihn mürrisch und noch wortkarger werden.
Die Harmonie im Haus bekam Risse. Egon verließ die Werkstatt kaum noch – er zersägte und zerhämmerte seinen Kummer.

Martha dachte praktischer. Sie versuchte, die Tochter tagsüber mit Hausarbeit so zu beschäftigen, dass dieser vor lauter Müdigkeit das nächtliche Herumstrolchen schon vergehen würde.
Widerwillig putzte Kathrin Möhren, jätete Unkraut, hängte Wäsche auf – und verschwand trotzdem fast jede Nacht. Martha hätte gern gewusst, wo und mit wem sich Kathrin herumtrieb, aber sie hätte wohl eher einen Stein zum Reden gebracht.

Martha bekam vor Sorge graue Strähnen und strenge Falten um die Mundwinkel. Sie wurde verbittert durch Kathrins Hartnäckigkeit. Grübelte ständig, was die Tochter nachts aus dem Haus trieb.
In Martha stritten das Wissen um das Loslassen müssen mit der Verantwortung für die Tochter. Sie suchte Rat bei anderen, aber was sie da zu hören bekam, half ihr auch nicht weiter. Der Pfarrer predigte Demut und Gottvertrauen, der Lehrer riet Martha, an Kathrins Verantwortungsbewusstsein zu appellieren.

Die gemeinsamen Mahlzeiten wurden für alle zur Qual. Statt munterem Geplauder, wie früher, schwieg nun auch Kathrin verbissen. Jeder war für sich allein. Ein niederdrückendes Gefühl von Fremdheit breitete sich zwischen ihnen aus.

Martha suchte die Schuld bei sich. War sie zu streng mit dem Mädel? Vermisste Kathrin Zärtlichkeiten? Gab es irgendeine tiefere Ursache, als die altersbedingte Revolte gegen die Eltern?

Als Martha Kathrin einmal angeboten hatte, dass sie doch ihren Freund auch bei sich übernachten lassen  könnte, bekam sie nur wildes Lachen zur Antwort.
"Du verstehst nichts, Mutter, gar nichts!"
Danach war sie Türenknallend davon gestürmt, eine noch ratlosere und verwirrtere Mutter zurücklassend.

Im Herbst  kam Carsten. Ein schüchterner, bebrillter Jüngling. Blass und ein wenig linkisch, aber gut erzogen. Er hatte einen scharfen Verstand und bot Kathrin in fast allen Dingen Paroli.. Freilich, er himmelte sie an, wie die anderen aber in Wortgefechten war sie ihm unterlegen. Obwohl er von Natur aus ein sanftes Wesen hatte, ordnete er sich ihr nicht blind unter und das schien ihr zu gefallen.

Kathrin wurde ruhiger, ausgeglichener. Die Harmonie kehrte zurück. Martha und Egon atmeten auf – endlich war die wilde Phase überstanden. Zwei Jahre lief alles zufriedenstellend. Kathrin machte Abitur, wollte Biologie studieren.

Dann kam dieser letzte Sommer. Ein Sommer voll berauschender Farben und Gerüche. Kathrin hielt es nicht mehr im Haus. Sie fing auch wieder an, nachts zu verschwinden. Aber diesmal sorgte sich Martha nicht so sehr, sie wähnte Kathrin bei Carsten. Kathrin kehrte tagelang nicht zurück.
Bei Einkäufen im Dorf begegnete Martha ihm. Er war höflich wie immer aber sehr zurückhaltend. Er wisse nicht, wo Kathrin sei, es wäre schon seit Wochen aus zwischen ihnen. Er wirkte noch blasser und dünner, als sonst. Seine Augen blickten traurig.
In Martha stieg die alte Angst wieder hoch.

In derselben Nacht trommelte es heftig an ihr Hoftor. Polizisten, der Lehrer und ein völlig verstörter Carsten. Egon war bleich geworden und musste sich setzen. Martha wurde starr wie ein Stein. Ihre Gefühle froren ein.
Man hatte Kathrin gefunden, im Waldteich, ertrunken. Niemand wusste, ob es ein Unfall oder Selbstmord oder gar Schlimmeres war.

Carsten drehte durch. Er musste in eine Nervenklinik eingewiesen werden.
Die wahre Todesursache konnte nie geklärt werden.

-

Die Hitze macht Martha heute mehr als sonst zu schaffen. Es ist, als ob sie sich zu nah an ein Feuer gewagt hat, welches sie nun zu versengen droht. Obwohl sie sich kaum bewegt, läuft der Schweiß in Sturzbächen über ihre Stirn, den dürren Hals hinunter. Sie kann gar nicht so schnell wischen.  Die Sonne pulsiert in verschiedenen Gelbtönen. Martha lehnt sich stöhnend zurück und schließt die Augen.

Jemand rüttelt sie an der Schulter. Ein Mann mittleren Alters blickt sie freundlich an. Irgendetwas an ihm kommt Martha bekannt vor. Er lächelt- ein wenig schüchtern – wie Carsten. Das glatt nach hinten gekämmte Haar erinnert sie an Kathrins Lehrer und die bucklige Stirn ist die vom alten Simon.

Martha spürt einen kühlen Luftzug. Die Sonne versteckt sich in einem Bett aus dunklen Wolken. Martha ist verwirrt. Sie kennt den Mann nicht, aber sie scheint ihm keine Unbekannte zu sein. Seine Stimme klingt angenehm dunkel.
"Martha, ich bin hier, um ihnen zu helfen. Ich weiß um ihren Kummer."
"Mein Kind ist tot, sie können mir nicht mehr helfen."
Martha bleibt äußerlich ganz gelassen aber in ihrem Inneren überschlagen sich die Gefühle.
Fast starr liegen die abgearbeiteten Hände auf ihrem Schoß.
"Sie irren."
Sein Ton ist bestimmt aber noch freundlich.
"Die da glauben, haben die Kraft, die Welt zu verändern."
"Das sagt unser Pfarrer auch immer, aber der Glaube hat sie mir nicht zurückgebracht." Resignation ist in Martha, Resignation und tiefe Traurigkeit.
Der Fremde schaut ihr bedeutungsvoll in die Augen. Er ist sehr nah. Sie ängstigt sich ein wenig.

"Ich kenne Sie, seit Kathrins Tod. Habe all die Fragen gehört, die nicht mehr beantwortet werden konnten, all die Vorwürfe und Schuldgefühle gespürt. Ich weiß, wie sehr Sie das alles belastet hat, der Gedanke, versagt zu haben."

"Die Zeit heilt nicht alle Wunden", flüstert Martha kaum hörbar. Ihr ist jetzt eisig kalt. Die Angst wird übermächtig und greift ihr ans Herz.

Der Mann legt ihr beruhigend die Hand auf die Schulter.
"Vertrauen sie mir"...

Martha hört seine Stimme wie schwaches Blätterrauschen. Sie kann ihm nicht antworten. Aber ihre altersschwachen Augen sind nun klar und scharf. Ihr wird plötzlich leicht. Wellen von Licht und Wärme überfluten sie und lösen ein Gefühl tiefen Glücks in ihr aus.
Am Horizont bewegt sich etwas, kommt mit federnden Sprüngen auf sie zu. Ein kleines Mädchen – lächelnd, mit wehenden Zöpfen – die Arme voller Glockenblumen...

 

© Grit Schiffter