Anne Haase
Anne Haase

Text des Monats

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Während einer Schreibwerkstatt in Zülpich entstand der folgende Text.

 

Sie wollen selber schreiben? Dann lassen Sie sich von der Schreibaufgabe inspirieren!

 

 

 

Agnes

 

 

 

 

Zielstrebig stöckelte sie die Straße entlang. Sie war sich sehr bewusst darüber, wie sie wirkte in ihrem engen schwarzen Kostüm mit dem schwarzen Hütchen und den Stöckelschuhen. Ihre Augen hatte sie mit einem Schleier vor der Außenwelt verborgen.

Agnes spürte die Blicke der Menschen, die ihr entgegenkamen, und sie spürte auch die Blicke derer, die ihre Rückseite betrachteten. Wie ein warmer Lufthauch glitten diese Blicke über ihre Brust, ihren Bauch, ihren Rücken, ihren Hintern und die Beine.

Sie lachte innerlich. Es war immer ein tolles Gefühl für sie, wenn ihr Körper und ihre Bewegungen eine solche Beachtung fanden. Zumal sie sich unter solcher Beachtung gut verstecken konnte.

Ein Mann trat ihr in den Weg. „Na, du Schöne? Was kostet denn eine Stunde mit dir?“

Agnes blieb stehen und sah sich ihr Gegenüber konzentriert von oben bis unten an. Dann lächelte sie, zeigte ihre perlenweißen Zähne, umrahmt von gekonnt geschminkten Lippen. Ihre Zunge glitt darüber.

„Eine Stunde kostet dein Leben, Süßer, wenn dir das zuviel ist, können wir Stunde und Leben auch halbieren.“

Zuerst hatte der Mann etwas erwidern wollen, aber das Halbieren hatte ihn aus dem Konzept gebracht. Er ließ Agnes vorbei. Sie stöckelte weiter. Als der Mann, beleidigt über die vermeintliche Abfuhr, „Hexe!“ hinter ihr herrief, wandte sie sich um und antwortete „Danke!“. Während sie wieder nach vorne schaute, hatte sie ihn bereits vergessen.

Agnes genoss das Balancieren auf den hohen Schuhen, das geänderte Verhalten ihrer Beinmuskeln und die Bewegung ihres Körpers. Dies in Verbindung mit der Aufmerksamkeit, die ihr dieser Spaziergang einbrachte, ließ sie genug Energie für das tanken, was sie vorhatte.

Zwei ältere Damen sahen sie missgünstig, neidisch an und tuschelten aufgeregt. Agnes nickte ihnen lächelnd einen Gruß zu und öffnete dann eine große Hoftür einen Spaltbreit, um hindurchzuschlüpfen.

 

Sofort war sie aus den Köpfen der Menschen auf der Straße verschwunden.

 

Die beiden älteren Damen starrten erstaunt auf das Hoftor, stumm. Worüber hatten sie gerade gesprochen? „Hast du schon von Alzheimer gehört?“, fragte die eine betreten.

Agnes unterdessen stöckelte über einen gepflasterten Hof, der trotz hoher Mauern ringsum gemütlich in der Sonne lag. Eine entspannte Stimmung schwebte durch die Luft. An einem eifrig vor sich hinplätschernden Brunnen saßen in bunter Tracht sechs Frauen, die Agnes freudig anstrahlten.

„Da bist du ja endlich!“ – „Schön, dich wieder zu sehen!“ Begrüßungen gingen hin und her, es wurde umarmt und gedrückt.

Agnes in ihrem engen Kostüm sah zwischen den bunten Röcken, roten und grünen Blusen, gelben und blauen Umhängen aus wie eine Krähe unter Papageien. Sie legte den Kopf zurück und lachte. „Eben wollte einer sein Leben nicht geben für eine Stunde mit mir!“, rief sie.

Beiläufig reichte ihr eine der Frauen einen Stab.

„So ein Banause!“ – „Wenn der wüsste, was er verpasst hat!“, kamen die Kommentare der Frauen.

Agnes machte eine komplizierte Bewegung mit dem Stab, und ihre schwarzen Kleider wurden farbenfroh, das Hütchen löste sich auf und gab wallende rötliche Haare frei – die Stöckelschuhe wandelten sich in kurze Stiefel. Agnes pfiff schrill durch die Finger. Ein Besen schwebte durch ein offenes Fenster und in ihre rechte ausgestreckte Hand. Liebevoll streichelte sie ihn.

Auch die anderen Frauen pfiffen ihre Besen herbei. Agnes steckte ihren Stab in ein Band, das um ihre Hüfte gebunden war. Sie setzte sich auf den Besen.

Höflich und erwartungsvoll sahen nun Agnes und fünf andere Frauen auf die eine, die einen großen regenbogenfarbenen Hut trug. Die sah alle der Reihe nach an, wie ihre Gefährtinnen hatte auch sie ein freudiges, erwartungsvolles Schimmern in den kohlschwarzen Augen.

„Seid ihr bereit?“, fragte sie mit rauchiger Stimme. „Dann geht es jetzt los Richtung Brocken!“

Eine Minute später war der Hof leer, nur entzückte Rufe waren vom Himmel zu hören.

 

© by Anne Haase 2004 Köln

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Kommentare

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  • PedroLeist8 (Dienstag, 23. Februar 2016 03:38)

    Thanks for one's marvelous posting! I actually enjoyed reading it, you're a great author. I will make sure to bookmark your blog and definitely will come back from now on. I want to encourage
    continue your great posts, have a nice holiday weekend!

  • Julia B. (Samstag, 08. August 2015 14:35)

    Liebe Anne Haase,

    eine ganz tolle Webseite haben Sie hier! :-)

    Inspirierend, motivierend... es macht einfach Spaß, hier zu stöbern!

    Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende!

  • Johnf708 (Mittwoch, 10. September 2014 03:47)

    I really like and appreciate your blog post.Thanks Again. bfaeedfafaef