Anne Haase
Anne Haase

Text des Monats

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Die folgende Geschichte entstand im Rahmen einer meiner eigenen Schreibwerkstätten zu einem Bild.

 

Sie wollen selber schreiben? Dann lassen Sie sich von der Schreibaufgabe inspirieren!

 

 

 

Urwald

 

Die Hitze war unerträglich. Nein, es war nicht die Hitze, es war die feuchte Luft. Trockene Luft hätte Konstantin besser vertragen, auch bei dieser Temperatur. Vielleicht sollte es auch etwas windiger sein. Durch die Feuchtigkeit kamen Insekten, in Scharen. Sie wurden durch keinen Lufthauch weitergetrieben, sondern tanzten um ihn herum und klebten an seiner Haut fest, mit feuchten Flügeln, hilflos, kitzelnd und durch unwirsche Handbewegungen bald zerdrückt. Missmutig bahnte Konstantin sich seinen Weg weiter durch Büsche, Farne, Unterholz. Vor Stunden hatte er den Pfad, der von Karinau nach Sinitoga führte, verlassen. Nun sollte doch bald einmal die Lichtung kommen mit den Tempelruinen!

Auf der Karte hatte es gar nicht so weit entfernt ausgesehen – von dem Pfad weg in nordöstliche Richtung, zwölf Kilometer vielleicht. Das hatte auch der Pilot gesagt, der ihm von den Ruinen erzählt und ihre Lage mit einem Filzstiftkreis auf der Karte markiert hatte.

Konstantin blieb stehen, wischte sich mit einem Zipfel seines Hemdes den mit Insektenleichen gemischten Schweiß von der Stirn, ließ seinen Rucksack und sich direkt daneben fallen. Er kramte die Trinkflasche aus dem Rucksack heraus und trank, erst hastig, dann langsam, schließlich widerwillig, das abgestandene lauwarme Wasser. Als die Flasche wieder verstaut war, sah er sich nach allen Seiten um, versuchte, durch das dichte dunkle Grün um ihn herum durchzuspähen. Er konnte nur von Baum zu Grün und von Grün zu Busch sehen, dann verschwamm alles zu einem grünen Allerlei, war nicht Busch und nicht Baum, nicht Blatt und nicht Zweig. Ein Blick nach oben brachte ihn auch nicht weiter: Auch hier begrenzte Grün seinen Horizont, die Sonne wurde nur in Form einiger Lichtspeere bis auf den Boden durch gelassen.

Still.

Es war eigenartig still.

Wann war es so still geworden?

Keine Vögel waren zu hören, keine anderen Tiere wie Affen oder Hörnchen; kein Wirbeltier gab einen Laut von sich, nur die Insekten erzeugten summende Geräusche durch Flügelschlag oder ein trockenes Klicken, wenn sie gegen irgendetwas flogen. Konstantin drehte den Kopf, langsam, um Geräusche aufzufangen, aber außer den Insekten war da nichts.

Nichts.

Nur Stille.

Das hatte er hier noch nie erlebt. Es waren doch immer irgendwelche Tiere damit beschäftigt, sich gegenseitig unwichtigen Dinge zuzukreischen, zu bellen oder sonstwie Geräusche zu machen. Gerade hier, und in Karinau, wo er seit zwei Wochen in einer kleinen Hütte wohnte und den Geschichten zugehört hatte von den Tempeln, die verschollen waren zwischen Sinitoga und Karinau, hier hatte er manchen Morgen geflucht, weil der mit der Morgendämmerung aufbrausende Lärm aus dem Urwald ihn nicht mehr schlafen ließ. Nun saß er in der schwülen drückenden Luft, umgeben von stupiden Insekten, suchte – mittlerweile verzweifelt – nach diesen Ruinen, und die Tatsache, dass die hiesige Fauna gerade eine Schweigeminute einlegte, brachte ihn so aus dem Konzept.

Aber halt – hatte Perigo nicht so etwas erzählt? Von der Stille, die mit den Geistern kam, den an die Ruinen gefesselten Seelen von hier hingeschlachteten Menschenopfern? Ja – ja, genau. Perigo hatte es erzählt, und Topek hatte genickt. Als Konstantin sie gefragt hatte, woher sie das denn wüssten, ob sie jemals an den Ruinen gewesen waren, hatte Topek mit den Augen gerollt, sich vorgebeugt und geflüstert: „Keiner ist jemals bis zu den Tempeln gekommen und konnte danach noch davon erzählen.“

Konstantin schüttelte den Kopf. So einen Blödsinn hatte er sich anhören müssen! Er drehte sich um sich selbst um zu sehen, aus welcher Richtung er sich den Weg gebahnt hatte. Ah ja, da war seine Spur zu erkennen. Ein Blick auf den Kompass und auf die Karte – ja, da lang musste er weitergehen.

Ein Schrei – tief geboren in einem Körper, langsam herauskommend, sich steigernd, lauter, höher, schriller werdend, bis er mit einem Gurgeln verstummte.

Konstantin packte den Rucksack und stürzte in das Dickicht zurück, dahin, woher er gekommen war. Den Kompass am Handgelenk, die Karte war auf den Boden gefallen.

Mit weißen Haaren sollte er in Karinau ankommen und allen, die es hören wollten, von den verfluchten Tempeln erzählen.

Aber das sollte noch drei Stunden dauern. Etwa eine Stunde, bevor Konstantin in Karinau ankam, schleppte sich ein vollgefressener Leopard durch das Dickicht, beschnupperte geistesabwesend die Karte, sprang behäbig in einen Baum und überhörte gnädig die Geräusche der nun wieder fleißig ihrem Tagewerk nachgehenden Urwaldbewohner. Von seinem Hochsitz aus hatte der Leopard eine fabelhafte Aussicht auf die Tempelanlage, fünfzig Meter weiter auf dem von Konstantin angenommenen Weg.

 

(c) by Anne Haase Köln 2019

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